Zur Geschichte von Holzbau Krieghoff

paulk

Paul Krieghoff gründete im Jahr 1900 das Baugeschäft

walterk

Walter Krieghoff übernahm 1934 die Firma

manfredk

1967 wurde Manfred Krieghoff der Inhaber

KuS

Seit 1996 führen Kerstin (geb. Krieghoff) und Silvio Hellmundt die Geschäfte fort


Belegschaftsfotos

Belegschaft 2013

Unsere Belegschaft 2013

Firma 2010

Unsere Belegschaft 2010

Belegschaft1999

Unsere Belegschaft 1999

Belegschaft 1996

Unsere Belegschaft 1996

Belegschaft 1913

Unsere Belegschaft 1913


Die Firmenchronik

Vorwort:

Mittlerweile ist es über eineinhalb Jahre her, dass unser Vater und ich eine Chronik über die Firmen- und Familiengeschichte schreiben wollten. Das 100jährige Bestehen der Firma stand bevor und damit der richtige Anlass, um mündlich überlieferte Geschichten und Lebensläufe einmal niederzuschreiben. Denn was man nicht aufschreibt, ist irgendwann verloren. Jetzt weiß ich das besser als je zu vor.

Papa nahm sich die Zeit und schrieb nieder, was er aus Erzählungen aus der Kindheit bzw. später dann selbst erlebt hatte. Als seine Aufzeichnungen fertig waren, sollte ich sie dann in den Computer eingeben. Die Zeit drängte, denn unsere Jahrfeier sollte am 1. Juli 2000 stattfinden. Es kam immer etwas dazwischen, was mir wichtiger erschien erledigt zu werden. So begann ich erst Anfang März 2000 meine Arbeit. Als die ersten Seiten fertig waren, gab ich sie Papa zur Korrektur, damit inhaltlich auch alles stimmte und nicht von mir verfälscht würde. Diese Seiten korrigierte er und machte seine Anmerkungen dazu. Leider blieben das die ersten und letzten Textstellen, die er noch lesen konnte, denn am 27.03.2000 starb unser Vater so plötzlich, dass es niemand von uns fassen konnte.

Auf Jahrfeier und Chronikschreiben hatte niemand mehr Lust. Die Aufzeichnungen von unserem Vater, seine Handschrift und die Art seines Schreibens, ich konnte nichts mehr davon sehen; es tat einfach zu weh.

Über ein Jahr ist vergangen. Nach langer Überwindung steht nun der Termin unserer verspäteten Jahrfeier fest und ich bin gezwungen die Chronik fertig zu schreiben, leider nun allein. Papa kann nicht mehr korrigieren, was ich vielleicht falsch aus seinen Aufzeichnungen übernehme. Deswegen möchte ich schon im voraus darum bitten eventuelle inhaltliche Fehler zu verzeihen.

Im guten Gewissen habe ich versucht die Geschichte unserer Firma und einige Familienepisoden darzustellen. Das geschriebene soll unseren Dank und unsere Achtung gegenüber unseren Vorvätern ausdrücken. Unser Urgroßvater Paul Krieghoff, der die Firma praktisch aus dem nichts erschuf, unser Großvater Walter Krieghoff der sie nach finanziellen Engpässen wieder zum Laufen brachte und unser Vater Manfred Krieghoff, der sie uns trotz DDR-Zeit erhielt und ohne Schulden übergab. Dank auch den Ehefrauen der Krieghoffs, die immer hinter ihren Männer standen, die mit im Geschäft arbeiteten, die Kinder aufzogen und immer ihren Männern den Rücken frei hielten.
Großer Dank gilt aber nicht zuletzt den vielen Gesellen, die in unserer Firma im Laufe von 100 Jahren beschäftigt waren bzw. jetzt noch beschäftigt sind. Es waren viele die hier ihre Lehrzeit machten, als Geselle blieben und vielleicht sogar bei uns das Rentenalter erlebten. Die Qualität und der gute Ruf einer Firma wird nicht zuletzt durch die Arbeit seiner Mitarbeiter geprägt. Krieghoffs konnten sich immer auf ihre Angestellten verlassen und gerade die langjährigen Kollegen gehörten schon fast zum „Inventar“ der Firma. Namen wie Onkel Siegfried (Kley), Onkel Sänger, Herr Büchner und Herr Reichel sind so eng mit meiner Kindheit verbunden. Für unsere Kinder sind es heute Onkel Martin (Giersberg), Onkel Jojo (Thomas Joel), der Dicke (Falko Lorenz), Onkel Hans (Marquardt), Karsten (Krauss), Marko (Winter) und bis vor kurzem noch Onkel Bastie (Hiese), die zu ihrem Leben dazu gehören.

Wir hoffen, dass sich die Firmen- und Familientradition der Krieghoffs mit uns und später mit unseren Kindern fortsetzt. Vielleicht schreibt dann einer unserer Söhne, unsere Tochter, oder vielleicht schon ein Enkel zur 150. Jahrfeier diese Chronik weiter.
Das wäre dann der schönste Dank an alle, die bis dahin die Firma hochgehalten haben.

100 Jahre Holzbau Krieghoff

100 Jahre auf dem Zeitstrahl der Geschichte, sind eine verhältnismäßig kurze Zeit. Für unsere Familie und unsere Firma ist dies jedoch ein langer Abschnitt. Eine Zeit in der es Höhen, aber auch viele Tiefen zu bewältigen gab, in der Freude auch von Leid begleitet wurde.
Wir als die Nachfahren der Krieghoffs sind stolz auf unsere Familie, auf das was sie geleistet haben und auf das Erbe was wir dankbar annehmen.
Heute wollen wir danke sagen und gleichzeitig versprechen, dass auch wir die lange Tradition des Geschäfts und natürlich der Familie weiterführen werden.

Die Geschichte der Krieghoffs begann aber nicht erst vor 100 Jahren. Dokumentiert ist, dass unsere Vorfahren ursprünglich aus dem Sondershäuser Raum/Großenehrich kamen. Sie waren Müller und pachteten in Ufhoven eine Mühle. Die Krieghoffs gehörten zu den wohlhabenderen Leuten. In der Ufhover Chronik kann man nachlesen, dass sie Brandsteuer bezahlen mussten. Dazu wurden zu der Zeit nur besser situierte Einwohner verpflichtet.
Die erste namentliche Erwähnung unserer Familie bezieht sich auf Johann David Krieghoff. Von ihm stammen alle Krieghoffs aus dem Raum Bad Langensalza ab. Sogar der berühmte amerikanische Kunstmaler Cornelius Krieghoff und der Suhler Waffenfabrikant haben ihre Wurzeln in der Langensalzaer Gegend.
Den Krieghoffs ging es gut, bis einer unserer Vorfahren das “Molschleber Gut” pachtete und sich von da an “Herrschaftspächter” nannte. Bekanntlich kommt aber Hochmut vor dem Fall, denn durch eine Viehseuche verlor er alles, sowohl Gut als auch Titel. Die einstmals begüterten Ufhover Krieghoffs verarmten.

Über die nächsten Jahrzehnte gibt es außer einiger Anekdoten nicht viel zu berichten und sicher gingen auch Geschichten im Lauf der Zeit verloren. Erst das Leben von Wilhelm, dem Urgroßvater unseres Vaters, ist wieder überliefert.
Wilhelm heiratete eine geborene Reinsberg. Die beiden sollen 13 Kinder in die Welt gesetzt haben. Bei der damaligen hohen Säuglings- und Kleinkindersterblichkeit überlebten aber nur 7 (4 Jungen und 3 Mädchen).

Wilhelm Krieghoff, überall bekannt als der “Knieps” war immer zu lustigen Streichen aufgelegt. Er war eine Frohnatur, die es nie lange an einem Ort aushielt. So kam es, daß er, der gelernte Maurer, keinen Spaß mehr am Handwerk hatte. Statt dessen wurde er Kolpateur (Vertreter) für Schulbücher. Sein Arbeitgeber war die Firma Belz (heute Druckerei “Thomas Müntzer”) und seine Reisen führten ihn bis nach Mehmel (äußerster Punkt von Ostpreußen). Heute ist das mit dem Auto bereits eine verhältnismäßig lange Strecke, wenn man aber bedenkt, dass Wilhelm diese Route zu Fuß mit einem Handwagen, manchmal auch mit der Bahn, zurücklegte ist das äußerst erstaunlich. Monatelang war er von zu hause weg. Doch seine Arbeit wurde gut bezahlt und kam seiner Lebenseinstellung entgegen. Kam er dann nach wochenlanger Abwesenheit endlich mit Geld heim blieb er solange, bis ein Teil seines Lohnes aufgebraucht war. Dann machte es sich wieder auf den Weg. Die Familie blieb allein zurück. Oftmals auch mit Leid und Kummer. Kinder wurden geboren und Kinder starben. Nicht selten musste Wilhelms Frau alleine die Schicksalsschläge durchstehen. Denn Leben und Tod hielten sich nicht an den Urlaub des Ehemannes.
So war es schon schwierig genug mit dem Rest des Lohnes auszukommen, immer in der Hoffnung, dass es bis zur Rückkehr des Familienvaters reichte.
Das klappte jedoch nicht immer. Es ist überliefert, dass die Frau mit den Kindern einmal im Gemeindehaus wohnen musste, um zu überleben.

Als Wilhelm dann in die Jahre kam, gab er den Beruf des Vertreters auf. Die Strapazen wurden ihm nun zu groß. Aber das Reisen konnte er dennoch nicht lassen. Nun zog er von Schule zu Schule in der näheren Umgebung und versah die alten Schultafeln mit einem neuen Farbanstrich. Auf diesen Anstrich soll er sogar ein Patent gehabt haben.

Trotz der harten Kindheit, brachten es alle sieben Kinder von Wilhelm zu etwas.
Wie damals üblich wurden die Töchter der Familie „gut“ verheiratet.
So wurde Amalie die Frau von Malermeister Schuchadt. Therese wurde Krankenschwester. Später heiratete sie einen gelähmten Weltkriegsoffizier, den sie bis zu seinem Tod pflegte. Der Name der 3.Tochter ist leider nicht mehr bekannt. Sie heiratete Eduard Carius.

Die 4 Söhne machten ihren Lebensweg aus eigener Kraft. Dank ihres Könnens, aber auch durch ihre Geschicklichkeit in gut situierte Familien einzuheiraten.
Sicher hätten sie ihre Selbständigkeit auch ohne das finanzielle zu Tun ihrer Frauen erlangt, dies hätte aber länger gedauert.

Karl und Richard wurden Schlossermeister. Richard machte außerdem noch einen Abschluss als Webermeister. Otto, das Nesthäkchen der Familie, wurde mit der Hilfe seines großen Bruders Pauls Bautechniker und Zimmermeister. Er ist bis heute als der “Wechselbalk” der Familie bekannt, weil er in einer Zeit zur Welt kam, als die Eheleute Krieghoff dachten, dass ihr Kindersegen aus Altersgründen beendet wäre.

Paul wurde ebenfalls Zimmermeister und gründete 1900 unser Geschäft. Mit ihm als Gründer beginnt die Geschichte der Firma Holzbau Krieghoff.

Paul Krieghoff wurde am 21.06.1874 in Ufhoven geboren. Er lernte beim Zimmermeister Hiese und arbeitete nach der Lehre auch dort. Paul lernte Hulda Eisel kennen und lieben. Sie war “einzige” Tochter aus gutem Hause. Zur damaligen Zeit versprach so eine Heirat eine nennenswerte Mitgift. Huldas Vater August, war ein fleißiger Mann. Er arbeitete auf dem Klausberg als Meister und war am Betriebsgewinn beteiligt. Durch diese Arbeit verdiente er sich ein kleines Vermögen. Über eine Verbindung seines einzigen Kindes mit dem mittellosen Paul Krieghoff war er überhaupt nicht begeistert. Als jedoch Hulda die kleine Hedwig bekam, willigten Eisels zähneknirschend in die Verbindung ein. Geheiratet sollte allerdings erst nach Pauls Militärzeit werden.

Urgroßvater Paul hatte aber noch ein anderes Ziel. Er, der mittellose Sohn einer kinderreichen Familie, wollte sich selbständig machen. Auf eigenen Füßen stehen und nicht mehr abhängig von seinen Arbeitgebern sein, das war sein Traum. Aber ohne Geld war dies nicht möglich. Von seiner Familie hatte er nichts zu erwarten, also arbeitete Paul hart. Er machte seinen Zimmermeister und zu Beginn seiner Militärzeit hatte er sich 700 Goldmark gespart, die er auf einem Sparbuch anlegte. Dieses Geld sollte nach seiner Dienstzeit das Startkapital für die eigene Firma sein. Er gab das Sparbuch seiner Mutter zur Verwahrung. Warum er es nicht seiner Braut Hulda gab, ist nicht bekannt. Wahrscheinlich wollte er sie überraschen und seinem zukünftigen Schwiegervater zeigen, was er sich mit seiner Hände Arbeit verdient hatte. Eisel sollte sich keine Sorgen um seine einzige Tochter machen. Dass er der falschen Frau sein kleines Vermögen anvertraute, sollte sich später herausstellen.

Erst einmal ging Paul zum Militärdienst. Er diente im Lehrbatalion in Potsdam. Dies war für ihn eine Auszeichnung, weil man dort nur die vorbildlichsten Soldaten stationierte.

Nach seiner Zeit beim Militär kam er voller Tatendrang nach Hause. Jetzt sollte sich sein Leben ändern. Er würde seine Hulda heiraten und sein Geschäft aufbauen. Mit seinen 700 Goldmark, die zu der damaligen Zeit eine beachtliche Summe darstellten, sollte ein Anfang möglich sein. Doch sein Geld war weg. Die eigene Mutter hatte es vom Sparbuch abgehoben und nach und nach ausgegeben. Jahre später, wenn man auf diese Episode zu sprechen kam, pflegte Hulda zu sagen: “Deine Mutter hat eben nichts getaugt.” So streng sollte man aber über Pauls Mutter nicht urteilen. Sie hatte 13 Kinder geboren und 6 von ihnen verloren, war lange Zeiten ihres Lebens auf sich alleine gestellt und hatte nie lange ein sorgenfreies Leben, während sich ihr Mann auf seinen Reisen befand. Das ersparte Geld ihres Sohnes war für sie wahrscheinlich zu verlockend.

Was sollte nun werden, ohne Startkapital war es unmöglich eine Firma zu Gründen. Trotz seines Stolzes blieb ihm der Gang zu seinem Schwiegervater nicht erspart. Sein Ehrgeiz sich selbständig zu machen war einfach größer.

Eisel borgte ihm Geld, was für den Anfang nötig war und es sollte nicht das letzte Mal sein, dass der Jungunternehmer auf die finanzielle Hilfe seines Schwiegervaters angewiesen war.

Gern nahm Paul das Geld nicht, denn sein Stolz war zutiefst verletzt. Jedoch war es für ihn immer eine Bestätigung, wenn er am Ende eines Geschäftsjahres dem alten Eisel Rechenschaft über die Firma ablegen und ihm ordentliche Gewinne vorweisen konnte. Trotz des Fleißes und des Könnens seines Schwiegersohnes, war Eisel nie hundertprozentig über den Wahrheitsgehalt Pauls Aussagen überzeugt. So konnte er sich die Äußerung: “Wenn’s denn stimmt” nie verkneifen.

Firmensitz und Zimmerplatz waren 1900 das Elternhaus und Grundstück von Hulda in der Schulstraße. Paul kaufte sich vom geborgten Geld einen Waggon Holz und fing mit kleineren Aufträgen an.
Bereits Ostern kam der erste Lehrling. Es war ein 14-jähriger Junge, welcher jeden Tag aus Reichenbach, über die Harth nach Ufhoven lief und abends natürlich den gleichen Weg nach Hause zurück hatte. Für unsere Zeit ist das unvorstellbar.
Der erste Geselle unseres Urgroßvaters war der Tischler August Helbing. Er war Zeit seines Lebens eng mit dem Geschäft und der Familie verwachsen. Er trug bereits Großvater Walter als Säugling über den Zimmerplatz und baute das erste Ehebett für unsere Urgroßeltern. Die ersten Jahre ihrer Ehe schliefen diese nämlich nur in einem breiten Bett, für was besseres reichte das Geld nicht.
Wie in Bauberufen üblich, war Uropa Paul auch Hausschlachter. Mit diesem Nebenerwerb wurde das Einkommen der Familie in der schlechten Jahreszeit sichergestellt.

Nach und nach konnte sich Paul ein gewisses Eigenkapital zurücklegen. Dies versetzte ihn in die Lage Baugrundstücke zu kaufen. Auf diese baute er Häuser, die er nach Fertigstellung wieder verkaufte.
Einige Gebäude in der Schulstraße, der Hirtenstraße und besonders in der unteren Salzastraße wurden von ihm gebaut. In dieser Straße hatte er mit seinem gekauften Baugrund besonders Glück. Bei den Aushubarbeiten förderte man nämlich nicht Erde, sondern Sand zu Tage. Dies hatte gleich 2 Vorteile. Zum einen brauchte er die Erde nicht “entsorgen”, zum anderen konnte er den Sand gleich mit verbauen. Ein Glücksfall, der dem Zimmermann einiges an Geld sparte und seine Vorfinanzierung verringerte.
Denn einfach war es nicht auf das erarbeitete Geld bis zum Verkauf des Hauses zu warten. Um so erfreulicher waren dann die Augenblicke, wenn sich ein Hauskäufer fand und dieser auch gleich bezahlte. Da man damals den Banken nicht unbedingt traute, kam es auch durchaus vor, dass der neue Hausbesitzer seine Rechnung nicht per Banküberweisung, sondern bar bezahlte. So staunte Paul Krieghoff nicht schlecht, als eines abends das Ehepaar Haubold mit einem Korb vor der Tür stand, in dem sie 12000 Goldmark (“Goldfüchschen”) trugen. Großvater Walter, damals noch ein Kind, stand staunend daneben und sah zu wie sich sein Vater das Geld auf dem Küchentisch vorzählen ließ. Das Haus, welches Haubolds damals bezahlten, ist das Gebäude Thomas-Müntzer-Platz 2.

Auf Schwiegervater Eisels Grundstück wurde es für die Zimmerei zu eng. So kaufte Paul unser Grundstück, damals Bismarkplatz 4, vom reichen Pferdehändler Friedrich. Bis auf die Gartenlaube, die heute noch steht, befand sich nichts auf dem Land. Diese Laube soll Friedrich für eine Jugendliebe gebaut haben. Deswegen bekam sie auch den Namen “Liebeslaube”. Geholfen hat der Bau wohl nicht, denn Friedrich blieb Junggeselle und hatte keine Erben. Das Haus in der Langen Straße in dem er bis zu seinem Lebensende wohnte, kaufte später Otto Krieghoff und errichtete dort auch sein Zimmereigeschäft.

Wie es damals üblich war, kümmerten sich die älteren Geschwister um die jüngeren. So nahm Paul seinen kleinsten Bruder Otto, den “Wechselbalk”, unter seine Fittiche. Er machte bei ihm seine Lehre als Zimmermann und wurde später von ihm auf die Bauschule nach Gotha geschickt. Vater Wilhelm beteiligte sich aber auch an der Finanzierung der Ausbildung seines jüngsten Kindes. Er stellte ein Schwein mehr als sonst in den Stall zum Füttern, welches dann verkauft wurde. Damals belegten finanziell nicht so gut gestellte Männer vom Bau nur die Wintersemester. So hatten sie die Möglichkeit in der Bausaison wieder Geld für den Lebensunterhalt zu verdienen.
Der alte Schlosser Emmel riet Paul davon ab, seinem Bruder die Bauschule zu finanzieren. Er solle doch bedenken, dass er sich damit die eigene Konkurrenz heranziehe. Für Uropa Paul war es jedoch Ehrensache seinen kleinen Bruder zu unterstützen.
Nach Beendigung des Studiums ging Otto Fairerweise nach Preußisch-Eilau als Stadtbaumeister. Als jedoch im 1.Weltkrieg das preußische Kernland an Polen fiel, kam Otto zurück nach Ufhoven. Er heiratete eine geborene Meister, die ebenfalls eine ordentliche Mitgift in die Ehe brachte. Mit diesem Geld eröffnete er sein Zimmereigeschäft.
So behielt schließlich der alte Emmel recht, denn die Zimmerei Otto Krieghoff in der Langen Straße war noch bis vor einigen Jahren unsere “Konkurrenz”.

Pauls Geschäfte gingen gut. Er hatte gut verdient und wollte nun endlich allen auch optisch zeigen, dass er es zu etwas gebracht hatte. So fing er 1914 an unser Wohnhaus zu bauen. Die Zeichnungen dafür hatte Otto angefertigt. Die hohen Räume und die teure Fassade im damaligen Villenstil projektiert, sollten jedem sichtbar machen, dass es Paul Krieghoff zu etwas gebracht hatte. Dass die Balken zu schwach und viel zu wenig Zement zum Ausmauern verwand werden konnte, weil das Geld eben doch nicht ganz reichte, brauchte keiner zu wissen.

Bei Kriegsausbruch stand der Rohbau und die Fächer waren wahrscheinlich auch schon ausgeputzt, denn italienische Krieggefangene sollen in unserem Haus die Leitungen gelegt haben.
Der 1.Weltkrieg brach aus und Paul, der im Potsdamer Lehrbatallion gedient hatte wurde eingezogen. Als Feldwebel baute er in Russland Sägewerke auf.
Er bekam sogar das Kriegsverdienstkreuz, weil dieses aber bei Truppe nicht vorrätig war, speiste man ihm einfach mit EK2 ab.

Paul setzte sein Leben und seine Arbeit fürs Vaterland ein und der Familie und dem Geschäft zu Hause ging es schlecht. Begüterte Familien bekamen im 1.Weltkrieg keine Unterstützung vom Staat. Wer nun aber “begütert” war oder nicht legte in Ufhoven der Amtsvorsteher Seifert fest. Dieser soll gesagt haben: “Wer seiner Tochter Helene eine Seidenbluse kaufen kann, der muss wohl genug Geld haben und ist nicht auf Unterhaltszahlungen angewiesen.”
So musste Uroma Hulda nach und nach das gesamte Holzlager verkaufen, um zu überleben. Walter, der älteste Sohn und gerade mal 12 Jahre alt, bekam eine Liste mit den Holzpreisen, damit er wusste für wie viel er die Ware verkaufen durfte. Die 4 Morgen Land, die die Familie zu dieser Zeit bereits besaß (ein Stück hinter der Molkerei, ein Stück zwischen Harthchaussee und Krumbacher Weg und ein Stück in der Pfütz ) und der große Garten mit den vielen Pflaumenbäumen wurden bearbeitet bzw. abgeerntet. So musste die Familie mit Kindern kein Hungerleiden. Eigentlich brauchte sich Paul auch keine Sorgen um seine Familie zu machen, denn er wusste, dass seine Frau Hulda alles im Griff hatte.
Sie, die bereits im ersten Jahr der Firmengründung mit auf dem Zimmerplatz stand und Holz sägte, die sich im Lauf der Jahre viele Kenntnisse und Fachbegriffe aus der Zimmerei angeeignet hatte und die das schwere Arbeiten gewöhnt war, nicht zuletzt dadurch, dass es immer auch ihre Aufgabe war die fertig gestellten Häuser von innen zu reinigen, würde schon die seinen durchbringen. Dies war auch so. Allerdings musste, wie bereits erwähnt das gesamte Holzlager verkauft werden, um während der 4 Kriegsjahre wenigsten über ein bisschen Bargeld zu verfügen. Als Paul aus dem Krieg nach Hause kam war nichts an Holzvorräten da und er fing, fast wie damals nach seiner Militärzeit von vorn an. Allerdings konnte er nun auf seinen guten Ruf, den er sich erarbeitet hatte zurückgreifen. Vermögen in Form von Land und das fast fertige Wohnhaus waren auch vorhanden.

Als erstes begann er nun auch dieses fertig zustellen. Da man an allen Ecken und Enden sparen musste wurde sogar aus der “Liebeslaube” der Schornstein rausgerissen, um das Geld für die paar Steine zu sparen. Als jedoch das Haus endlich bezugsfertig war, blieben Paul, Hulda und die Kinder trotzdem in der Schulstraße wohnen. Stattdessen vermieteten sie ihr neues Haus an den damaligen stellvertretenden Landrat. Dieses Geld konnte man gut fürs Geschäft brauchen.

Paul, der Zeit seines Lebens fleißig, ehrgeizig und sparsam war, erholte sich geschäftlich wieder. Er bekam wieder Aufträge und dementsprechend Geld. Doch dann kam die Inflation.

Mit dieser Zeit kam er gar nicht zurecht. So ließ z.B. ein Schafmeister aus der Doeppingsstraße sein Dach heben und auch sämtliche Maurerarbeiten von der Firma Krieghoff ausführen. Als es ums Bezahlen ging verkaufte der Schäfer einfach einen Hammel und bezahlte damit seine gesamte Rechnung. Als Paul ihm sagte, daß dies doch nicht ginge und er doch bis nach der Inflation warten soll mit der Bezahlung, antwortete dieser einfach: “Eine Mark ist eine Mark”, drehte sich um und ging.
Daraufhin bekam Paul einen heftigen Nervenzusammenbruch.
Viele verdienten sich in der Inflation eine goldene Nase, die Krieghoffs verloren viel. Aber der erfahrene und dank seines Wissens und handwerklichen Könnens überall geschätzte Paul schaffte auch nach der Inflation den Neubeginn.

Paul und Hulda hatten 6 Kinder. Hedwig, die älteste starb mit 14; Leni heiratete den Bauern Kroneberg, Walter der älteste Sohn sollte das Geschäft übernehmen.
Hans und Margarete waren ein Zwillingspärchen. Leider starb Hans noch im Säuglingsalter. Margarete (Greti) heiratete einen Sohn von Reifenherrmann.
Dann war da noch der jüngste Sohn Arno. Die Töchter hatten gut geheiratet, Walter sollte Pauls Nachfolger werden, doch wie würde Arnos Zukunft aussehen?.

Arno war technisch sehr begabt und wollte Maschinenbauingenieur werden. Dazu hätte er aber erst eine Schlosserlehre machen müssen, für die Arno aber körperlich zu schwach war. Aus Vernunftgründen musste er eine Lehre bei der Firma Lübbers als Kaufmann machen. Dies gefiel ihm aber gar nicht. Hatte das mit Maschinenbau doch rein gar nichts zu tun.
Es kam die Zeit des Stummfilms. Mit seinem technischen Interesse begeisterte sich Arno schnell für dieses neue Medium. In seiner Freizeit fing er an, einem Vorführer zu helfen . Es dauerte nicht lange und Arno konnte selbständig die Filmrollen einlegen und abspulen. Diese Arbeit machte ihm viel Spaß. Da für die anderen Krieghoffs Kinder gesorgt war, sollte jetzt auch für Arno eine Existenz geschaffen werden. Uroma Hulda sorgte dafür, dass Paul, dem Nesthäkchen Arno die beiden kleinen Langensalzaer Kinos kaufte.
Als Teilhaber stieg ein Herr Werner ein. Werner sollte das kaufmännische regeln und Arno das technische. Außerdem hatte jeder eines der Kinos unter eigener Regie. Arnos Kino war die spätere Filmbühne und Werner hatte seine Vorführapparate in dem jetzigen Lager der Firma Zöller stehen.

Es dauerte nicht lange und die ersten Probleme kamen. So musste Arno immer eine bestimmte Anzahl von Filmen ausleihen. Dabei waren gute und auch weniger gute. Er hatte nun das Pech oft zu viele „Ladenhüter“ zu bekommen. Also blieb das Publikum und somit die erhofften Einnahmen aus. Aber die Filme mussten natürlich trotzdem bezahlt werden. Paul, der Jahre lang von seinem Schwiegervater unterstützt wurde, griff natürlich auch seinem Sohn immer wieder mit Geld unter die Arme. Arno schätzte aber diese Unterstützung anscheinend nicht, oder nahm sie zu mindest als normal hin. Denn anstatt mit dem Geld das Geschäft zu sanieren, oder andere Wege und Möglichkeiten für ein besseres Auskommen zu finden, lebte er über seine Verhältnisse. So musste der kleine Kinovorführer aus Bad Langensalza mit seiner Frau die großen Filmbälle der Ufa, Bavaria und Tobis in Babelsberg und München besuchen, obwohl er es sich nicht leisten konnte. Von der Sparsamkeit und dem Ehrgeiz seines Vaters schien Arno nichts geerbt zu haben. Als die Tonfilmzeit kam und schnell neue Vorführgeräte angeschafft werden mussten war demzufolge kein Geld für neue Investitionen da. Also nahm er wieder das Geld seines Vaters.
Herr Werner, Arnos einstiger Kompagnon, löste die Geschäftsbedingung auf und baute das heutige Burgtheater. Seine Geschäfte liefen gut.
Arno, der seinem einstigen Partner in nichts nach stehen wollte, baute sein Kino um. Da es aber noch alte Rechte auf dieses Objekt gab und Arno von je her kein Geschäftsmann war, brachte ihm sein letzter Versuch im Kinogeschäft zu bleiben den endgültigen Ruin. Aber nicht nur geschäftlich, sondern auch privat war Arno am Ende. Seine an einen hohen Lebensstandart gewöhnte Ehefrau verließ ihn. Völlig am Ende kam Arno wieder nach Hause, wohnte wieder in seinem Elternhaus und nahm einen Job als kleiner Angestellter auf dem Fliegerhorst an. Später arbeitete er in Eisenach als Lagerverwalter bei BMW. Jetzt, als er nichts mehr hatte, wurde er zum Arbeitstier. Um Geld zu sparen fuhr er nicht mit dem Zug, sondern mit dem Rad zur Arbeit. Nach Feierabend jobbte er als Filmvorführer, denn ganz konnte er sich nicht vom Kino trennen. Seine Bemühungen, endlich Geld zu verdienen rührten nicht zuletzt daher, dass er endlich seinen Eltern beweisen wollte, dass auch er aus seinem Leben etwas machen konnte. Sicherlich spielte dabei auch eine gehörige Portion Scham eine Rolle, denn schließlich war es seinem Unvermögen im Kinogeschäft durchzuhalten zu verdanken, dass das Baugeschäft seines Vaters finanziell fast am Boden lag.
Schließlich kehrte Arno aus dem 2.Weltkrieg nicht zurück. Er gilt seit 1943 bei Woronesch als vermisst.

Anfang der 30iger Jahre bekam Uropa Paul am Unterkiefer eine Geschwulst. Kluge Stammtischbrüder rieten ihm jedoch nicht zum Arzt zu gehen, denn im Gesicht wäre es besser nicht „herumzuschneiden“. Dieser Rat erwies sich leider als falsch. Denn das Geschwulst war ein Tumor, der bei frühzeitiger Behandlung hätte entfernt werden können. Der falsche Rat seiner Bekannten und sicherlich die eigene Angst vor einer Operation kostete Paul Krieghoff schließlich das Leben. Er starb im Alter von nur 60 Jahren an Krebs.

Nun war Walter Krieghoff an der Reihe das Geschäft des Vaters weiterzuführen. Er hatte Martha Schütz, Tochter eines Bauern geheiratet und bereits einen 5 Jahre alten Sohn (unseren Vater, Manfred Krieghoff), als die Verantwortung in seine Hände gelegt wurde.
Aber wie sah es aus mit dem Erbe? Durch die ständige Fehlinvestition in Arnos Kinoversuche war die Firma überschuldet. Opa Walter wurde zum Konkurs geraten, denn er sah keine Möglichkeit aus der Zahlungsunfähigkeit zu kommen. Doch man schrieb das Jahr 1934. Die Nationalsozialisten waren an die Macht gekommen. Von der Negativgeschichte die Hitler in den nächsten Jahren Deutschland aufdrücken sollte ahnte zu der Zeit niemand etwas. Fest stand nur was man mit eigenen Augen sah. Und das war anfangs positiv. Denn die neue Regierung begann das Bauen zu subventionieren. Jeder der eine kleine Bauarbeit zu Hause in Auftrag gab, bekam Geld vom Staat und brauchte es nicht zurückzuzahlen. Hitler und die Nationalsozialisten hatten erkannt, dass man mit der Bauindustrie alle anderen Branchen im Nachgang ankurbeln konnte. Sicherlich nicht zuletzt die Rüstungsindustrie. Dass plötzlich wieder Arbeit da war, war der entscheidende Wink des Schicksals das Baugeschäft nicht aufzugeben. Außerdem standen langjährige Geschäftspartner, wie z.B. Moritz Raab, ein Sägewerksbesitzer aus Tambach dem Juniorchef zur Seite.
Ohne seine Unterstützung in Form von Zahlungsaufschüben und ohne seine Fürsprache wäre die Geschäftsfortführung sicherlich noch schwieriger geworden.

Aber einfach war es für den jungen Walter dennoch nicht. Der Konkurrenzkampf war hart. So warb Walter in Dorfschenken mit Werbetafeln für seine Arbeit. Denn immerhin sollten ca. 20 Kleinbaustellen in Ufhoven und einige andere auf den umliegenden Dörfern subventioniert werden. Diese Chance durfte man sich nicht entgehen lassen.
So hielt man sich über Wasser und Walter konnte langsam seine ererbten Schulden abbauen.

Irgendwann gelang es dem Baugeschäft Krieghoff die Kammgarnwerke als Kunden zu gewinnen. Eduard Schmidt, Direktor der Werke, wusste jedoch genau welch Segen er mit seinen sicheren Aufträgen für die Unternehmen darstellte und er hatte keine Scham sich die eine oder andere Gefälligkeit durch die Firmen zukommen zu lassen. Sträubte man sich so bekam man seinen Wahlspruch: “Die Konkurrenten lauern wie hungrige Löwen vorm Fabriktor.” zu hören. Da die ausgehandelten Baupreise hoch und die Bezahlung sicher war wollte man natürlich Herrn Schmidt milde stimmen. So musste Großvater Walter einen Mercedes kaufen und sollte ihn dann bei Herrn Schmidt unter stellen, damit sein Fahrer, Wilhelm Mötzels Vater, den Direktor chauffieren konnte. Das war dann aber Walter doch zu viel. So stellte er das Auto in die eigene Garage und spielte selbst den Fahrer, wenn Herr Schmidt im Mercedes gefahren werden wollte. Ein anderes Beispiel für eine „Gefälligkeit“ war der Bau des Sporthauses des Vereins Preußen. Die Spieler des Vereins standen auf den Lohnlisten und wurden durch entsprechendes Training und Unterstützung Mitteldeutscher Meister. Das Sporthaus mussten die Betriebe, die für die Kammgarnwerke arbeiteten bauen. Quittierte Rechnungen legte Direktor Schmidt dem Verein vor und spielte sich als Gönner auf. Dabei hatten die Firmen keine Reichsmark gesehen, und schon gar keine von Herrn Schmidt persönlich.

Die Wirtschaft entwickelte sich und es wurden wieder Eigenheime, die Häuser der Mitteldeutschen Heimstädte, gebaut. Die Bauern bekamen auch wieder Mut ihre Höfe instand zu setzen. Gute Fachleute vom Bau waren endlich wieder gefragt.
Später lief das Kasernenprogramm an. Die Kaserne des Reiterregiments16 wurde zur Kradschützenkaserne erweitert. Die Fliegerhorste in Gotha und vor allem der Neubau in Bad Langensalza kamen hinzu. Beide Wehrmachtsbauten wurden nur in Holzbauweise (Zimmerei und Bautischlerei) ausgeführt. Bei privaten bauten wurde weiterhin auch das Mauern angeboten. Es war eine Zeit der Begeisterung. Endlich war Arbeit in Hülle und Fülle da. In die Zukunft schaute keiner.
Unser Vater, Manfred Krieghoff, erlebte diese Zeit des Umbruchs mit, damals als Kind. Das einzige was sein Vater Walter als negativ empfand waren die hohen Steuern, die waren zu Kaisers Zeiten viel niedriger.
Die hohen Steuern hatten ihren Sinn. Der 2.Weltkrieg kam und das deutsche Volk war verblendet. Alle glaubten an den Endsieg und dass keiner der Westmächte sich lange an dem Deutschen Reich messen werde.

Während des Krieges wurden viele Baracken gebaut, als Unterkünfte für die Soldaten. Aber auch im Inland ging es weiter. Denn von den Auswirkungen des Krieges merkte man in den ersten Jahren nicht viel. Nur die, die Gefallene in den Familien zu beklagen hatten bekamen jetzt schon die Härte der Zeit mit. Richtig schlimm wurde es dann nach dem ersten Russlandfeldzug 1941.

Aber auch die verlustreiche Zeit des 2 Krieges ging zu Ende. Wieder stand die Firma Krieghoff vor einem Neubeginn. Auf dem Zimmerplatz lagen noch 15 Flakbaraken und landwirtschaftliche Behelfsbauten. Das Holz war zwar schon abgearbeitet, aber es war ein Anfang. Die Barackenteile wurden teilweise auseinander genommen, um an die Fasebretter zu kommen. Das Kantholz wurde im Dorf verbaut. Eine Flakbarake steht sogar noch im Garten des heutigen BUND. Drei zusammengebaute im Garten der Bäckerei Viehweg. Der Anbau beim Kohlehändler Hiese wurde auch aus dem Kantholz der Baracken gefertigt.

In dieser Zeit begann unser Vater seine Lehre als Zimmermann im elterlichen Betrieb. Richtig schmecken wollten ihm allerdings diese Zukunftsaussichten nicht. Ihm lag mehr das technische. Flugzeuge entwerfen, das war sein Kindertraum. So konnte er stundenlang auf dem Rücken im Gras liegen und die Flugzeuge am Himmel beobachten, um später detailgetreue Modelle nachzubauen. Doch er musste sich fügen. Das nötige Geschick und Vorstellungskraft hatte er von Haus aus.
Außerdem war sein jüngerer Bruder Horst noch zu klein, um abzuschätzen, welcher Beruf für ihn mal der richtige wäre.

Mit der Geburt von Horst hatte man eigentlich gar nicht mehr gerechnet. Aber plötzlich wurde Martha „schwer“ krank. Als sie endlich zum Arzt ging stellte dieser fest, dass die Symptome auf eine unheilbare Krankheit hinwiesen. “Rückenmarkschwindssucht” hieß die Diagnose. Niedergeschmettert erzählte sie Walter ihr Schicksal. Er versuchte jedoch Ruhe zu bewahren und schickte seine Frau nach Gotha zu einem Spezialisten. Voller Angst ließ Martha die Untersuchungen über sich ergehen. Schließlich stellte sich der Arzt kopfschüttelnd vor unsere Oma und fing an zu lachen. “Rückenmarkschwindsucht? Schwanger sind Sie, das ist alles.”
So kam unser Onkel Horst auf die Welt. Er entschied sich später, nicht in der Holzbranche zu bleiben. Er wurde statt dessen Kfz-Mechaniker.
Horst heiratete Gitti Jünger aus Schönstedt. Sie bekamen zwei Kinder, Lutz und Silke. Ende der 80iger Jahre bauten er und seine Frau eine Eisdiele. Das Eiskaffee “Krieghoff”, heute bereits von Lutz und seiner Frau Heike übernommen, ist immer die richtige Adresse in Ufhoven für Familienfeiern oder einem schönen Kaffeeplausch bei selbstgebackenem Kuchen und Eis.

Papas Lehre fiel also in die schwere Nachkriegszeit. Zuerst kamen die Amerikaner nach Ufhoven, kultivierte und saubere Soldaten, die den deutschen Kindern den Genuss des Kaugummikauens verschafften.
Sie als Siegermacht hatten allerdings auch das Recht Lebensmittel und Materialien für die Armee zu beschlagnahmen. Eines schönen Tages stand plötzlich ein Armeefahrzeug auf unserem Zimmerplatz und lud ohne zu fragen Holz auf. Oma Martha kam aus dem Haus gestürmt und begann fürchterlich zu zetern. Sie schwang sich auf ihr Fahrrad und fuhr schnurstracks zur zuständigen Kommandantur. Dort machte sie ein mächtiges Fass auf. Mit Erfolg. Der Redegewandtheit unserer Großmutter war anscheinend keiner der Amerikaner gewachsen. Sie händigten ihr ein Schild mit der Aufschrift “Out of Limits” aus. Dieses wurde am Tor befestigt und keiner der amerikanischen Soldaten wagte mehr einen Schritt auf das Betriebsgelände.

Doch die Amerikaner blieben nicht lange. Per Vertrag zogen sie ab und machten Platz für die weniger zivilisierte Russenarmee und den Sozialismus.
Ganze Industrieanlagen wurden demontiert und als Kriegsbeute Richtung Ural abtransportiert. Unser Vater und Großvater mussten lernen mit dem auszukommen was zur Verfügung stand und dies sollte sich auch die nächsten 40 Jahre nicht ändern.
1948 kam dann die Bodenreform. Holz wurde von den wenigen Sägewerken geschnitten, die man nicht abtransportiert hatte. Nägel gab es gar keine.
So wurden aus Mangel an Metallwerbindern selbst die Füllböden in die Balken eingenutet. Transportiert wurde das Holz von den Bauern mit Pferdwagen. Manchmal kamen auch die leistungsschwachen Holzvergaserfahrzeuge zum Einsatz.

Durch das starke Tauwetter im März 1947 entstand erheblicher Schaden an den noch vorhanden Brücken. Schlimm für die Bevölkerung, aber gut für unser Geschäft, denn wir wurden mit den nötigen Reparaturen bzw. dem Bau von Notbrücken vom Straßenbauamt beauftragt.
Dieses Amt wurde auf unsere Firma aufmerksam, da wir im Jahr zuvor eine Notbrücke neben der Damtorbrücke errichteten.
Um die nötigen Brückenreparaturen ausführen zu können, mussten mit einer Nadelramme, die man sich anfangs nur borgte, Holzpfähle in die Erde getrieben werde. Später ließ Opa Walter eine Ramme vom Schmied nachbauen. Die Ramme wurde von Hand betrieben. Welche körperliche Belastung diese Arbeit für unsere Gesellen darstellte möchte ich an dieser Stelle noch einmal besonders hervor heben. Aber unsere tüchtigen Leute waren harte Arbeit gewöhnt und froh nach Krieg und Gefangenschaft wieder einsatzbereit zu sein.
Später gelang es Opa Walter eine Pionierdieselramme zu erwerben. Diese war auch nötig, denn zu den Aufträgen des Straßenbauamts kamen nun noch Aufträge der Wasserwirtschaft hinzu. Unser guter Ruf eilte uns voraus und wir erhielten Arbeiten im gesamten Thüringer Raum.

Anfang der 50iger Jahre kam die erste Preisanordnung. Der Sozialismus sollte jetzt, 6 Jahre nach Kriegende, auch in der Wirtschaft festgeschrieben werden. So wurden Preise von oben angeordnet. Sie standen fest und man musste versuchen mit ihnen auskommen. Die Bevölkerung sollte schließlich nicht vom Markt beherrscht werden. Stabile Preise sollten ein Eckpfeiler auf dem Weg zum Sozialismus sein. Dass sich mit den Preisen aber gar nicht arbeiten ließ interessierte die kommunistischen Theoretiker nicht.
Unserer Firma kam zu Gute, dass wir immer noch im Brückenbau tätig waren und diese Preise verhältnismäßig hoch kalkuliert waren. So konnte man mit diesem Geld die Defizite, die man durch Arbeiten für die Bevölkerung erwirtschaftete, ausgleichen. Wichtig war zu jener Zeit Arbeiten zu bekommen bei denen man irgendwie die festgeschriebenen Preise umgehen konnte.

Viele Betriebe wurden verstaatlicht, enteignet oder zu einer PGH (Produktionsgenossenschaft), was einer Enteignung nahe kam, umstrukturiert. Wie es mit unserer Firma weitergehen sollte stand in den Sternen. Jeder Monat konnte im unberechenbaren sozialistischem Regime der letzte sein. Aus diesem Grund verließ unser Vater, Manfred Krieghoff, die Firma. Er wollte sich seine eigene Existenz aufbauen und nicht abhängig sein von der Laune irgendwelcher Bonzen sein.

So ging er im September 1951 an die Bauschule, später Ingenieurschule, nach Gotha. Dort absolvierte er mit Erfolg sein Studium. Nach seinem Abschluss ging er zur Industrieprojektierung nach Jena, später zur Hochbauprojektierung nach Erfurt und schließlich zur Langensalzaer Entwurfsgruppe. So hatte sich sein Kindertraum doch noch erfüllt. Zwar entwarf er keine Flugzeuge, aber er konnte all sein Wissen verwenden, um Bauten zu projektieren und die dafür die nötigen statischen Nachweise zu errechnen.

1956 heiratete Manfred Dora Krause. Ein Jahr später kam ihre erste Tochter Christina, 1960 Heike und schließlich 1966 Kerstin zur Welt.
1967 starb Opa Walter. Wie sein Vater Paul viel zu jung, im Alter von nur 65 Jahren und ebenfalls wie Paul an Krebs.

Trotz der ständigen Angst vor Verstaatlichung gab es die Firma immer noch. Der „aufstrebende Sozialismus“ hatte wohl erkannt, dass ein bisschen Marktwirtschaft gar nicht schlecht sei.
Aber was war von der Firma übrig geblieben? Nach Oma Marthas Tod 1959 hatte sich Opa Walter eine Freundin genommen. Um ihren Ansprüchen gerecht zu werden und sie samt ihren Kindern bei Laune zu halten floss Geld in Unmengen in diese Beziehung.
Opa Walter war gezwungen trotz seiner schweren Krankheit den Betrieb vom Krankenlager aus weiterzuführen, um das nötige Geld für seine Frau Hartung aufzubringen. Mit seiner dürftigen DDR Rente von 187 Mark wäre sie wohl nicht bei ihm geblieben.
Gepflegt wurde er allerdings von seinen beiden Schwiegertöchtern Dora und Gitti, denn dazu war sich seine Freundin zu schade.

Nach Opas Tod stand nun die Frage im Raum was aus dem Familienbetrieb werden solle?
Schweren Herzens verließ unser Vater die Entwurfsgruppe und übernahm den elterlichen Betrieb. Er wollte sich nicht nachsagen lassen, dass er nicht den Mut dafür hätte einen Betrieb zu führen, den sein Vater vom Krankenlager aus geleitet hatte. Eine gute Zukunft rechnete sich Manfred allerdings nicht aus. Durch die sechs Semester Bauschule in denen natürlich auch der wissenschaftliche Sozialismus, Marxismus usw. unterrichtet wurde hatte er hinter die Kulissen schauen können. Deshalb befürchtete er, dass früher oder später, wenn auch wider der Vernunft, auch der letzte private Betrieb geschlossen würde.

Den Versuch den Betrieb weiter zu führen war er auf jedem Fall seinem Vater und auch Großvater schuldig. Also ging er zum Ratsvorsitzenden Franz Krebs, um sich die Genehmigung einzuholen.
Da man Papa zu dieser Zeit bereits schätzte und seine Fähigkeiten durch die Arbeiten in der Entwurfsgruppe kannte, wurde ihm auch sofort erlaubt die Firma fortzuführen. Krebs sagte nur: “Geh heim und mach`s weiter”, manch anderem hatte er es nicht genehmigt.
Erst einige Zeit später erfuhr Papa, wie Krebs im Bezirk die Fortführung des Handwerksbetriebes verteidigte. Einen Betrieb für Spezialaufträge bräuchte man im Kreis und dafür sei Manfred Krieghoff genau der Richtige.

Unser Vater ging “heim und machte es weiter”. Aber das war nicht einfach. Wie damals, als Walter das Geschäft nach Pauls Tod übernahm war kein Geld mehr da. Alles war in den Unterhalt der Freundin geflossen.
Rechnungen wurden schon eine ganze Zeit nicht mehr bezahlt, so dass sich Mahnungen auf dem Schreibtisch stapelten. Lohnende Arbeit gab es außerdem nicht und wie man ein Geschäft führt und Buchführung macht, wusste er nicht. Eine wochenlange Arbeits- und Lernleistung kam auf ihn zu, um das Geschäft wieder in Gang zu bringen und die Bürokratie in den Griff zu bekommen. “Nebenbei” musste er noch seine Familie ernähren und versuchen die Schulden zu bezahlen. Also projektierte er noch abends, um damit nebenbei Geld zu verdienen. Sein Arbeitstag ging oft bis 22 Uhr.

Die Firma erholte sich und man lernte, sich mit den Gegebenheiten des sozialistischen Regimes zu arrangieren. Preisreformen, wie zum Beispiel die Industriepreisreform machten es nicht gerade einfach Geld zu verdienen.
Diese Reform schrieb damals fest, dass die Bevölkerungspreise für Bautischlerarbeiten die gleiche Höhe, wie sie 1952 mit der ersten Preisreform festgesetzt wurden, nicht überschreiten durfte. Preise für die Industrie hingegen wurden von der Staatsmacht höher angelegt. Aus diesem Grund versuchte unser Vater sich im Stahlbeton. Auf dem Gebiet war er durch Studium und spätere Arbeit in den einzelnen Entwurfgruppen Spezialist. Durch eigene Ideen und Entwürfe machte er sich einen Namen und unsere Gesellen mussten sich neben den eigentlichen Holzarbeiten mit der Fertigung von Stahlbeton beschäftigen. Dies gelang auch sehr gut und sicherte Arbeit und Einkommen. So entstanden bis 1971 z.B. der Deckeneinbau des DLK, die Fuhrwerkswaage, Freianlagen des Umspannwerkes und Wasserturmfundamente in Schönstedt und Aschara.
Die eigentlichen Wassertürme hierzu wurden in Ungarn gefertigt. Nach Angaben der ungarischen Fachleute mussten dann die Fundamente und die 30 Löcher zur Befestigung der Türme vor Ort hergestellt werden. Nun hatte unser Vater bereits bei Auftragserteilung gehört, dass bisher diese Löcher nie mit dem Turm übereinstimmten, und sich deshalb immer wieder Verzögerungen bei der Montage vor Ort ergaben. Das war dann für Papa eine Chance zu beweisen, was er konnte. So kniete er sich die Arbeit und klügelte ein System aus, dass die perfekte Maßgenauigkeit zwischen Bolzen und Loch gewährleistete.
Als dann schließlich von den Ungarn der Wasserturm montiert wurde und wirklich alles passte, meinte der Bauleiter nur trocken: “Zufall!”. Ins grübeln kam er erst als auch beim 2.Fundament in Schönstedt alles haargenau stimmte. Voller Hochachtung klopfte er unserem Vater auf die Schulter und sagte ihm, dass er eine solch ausgeklügelte Technik noch nicht gehabt hätte.

Nach Marokko und Schweden sollte Manfred Krieghoff, um auch dort die Fundamente zu beaufsichtigen. Das lehnte unser Vater aber dankend ab. Schließlich hatte er eine Frau, drei Kinder und die übernommene Verantwortung dem Traditionsgeschäft gegenüber. Außerdem machte ihm seine Arbeit als „freier“ Handwerker immer mehr Spaß. Seine Unabhängigkeit war ihm lieb und teuer geworden.

Bei der Herstellung der Trafofundamente erntete Papa ebenfalls Lob. Denn die Risse, die man befürchtete blieben aus. Nach und nach war unsere Firma nun wirklich zur “Spezialfirma” geworden. Allerdings lag die ganze Verantwortung auf Papas Schultern. Unsere Gesellen waren Bautischler und Zimmerleute. Das nötige Wissen und die handwerklichen Fähigkeiten in Sachen Stahlbeton musste er ihnen selbst beibringen. Denn die zusätzliche Einstellung von neuen spezialisierten Kollegen hätte über kurz oder lang bedeutet, dass mehr als 10 Beschäftigte im Betrieb gewesen wären.
Dies wiederum hätte zur Folge gehabt, dass die verhältnismäßig gute Handwerkersteuer für unseren Betrieb nicht mehr anwendbar gewesen wäre.
Die Versteuerung mit dem höchstmöglichen Steuersatz wäre zum Einsatz gekommen. Durch diese Regelung versuchte der Staat das Handwerk so klein wie möglich zu halten, um nicht ganz die Lehren von Marx, Engels und Lenin Lügen zu strafen. Dass es ohne ein gut funktionierendes privates Handwerk gar nicht ging, hatte man mittlerweile herausgefunden.

Um dem verhassten Regime nicht mehr Geld als nötig in den Rachen zu werfen, war deshalb unser Vater stets darauf bedacht niemals mehr als 10 Leute zu beschäftigen. So mussten die vorhandenen Kollegen sowohl Holz- als auch Stahlbetonfachmänner werden. Die Kombination klappte im Grunde recht gut, denn Papa konnte sich auf seine allround Männer verlassen.

Schließlich bekam unser Vater wieder Verbindung zur Bezirksdirektion für Straßenwesen (Otto Pora). So durften wir einige Jahre Straßen- und Uferreparaturen ausführen. Da diese Arbeiten nicht im Plan waren, schlechte Straßen waren schließlich eines der Markenzeichen der DDR, mussten sie “heimlich” gemacht werden.
Für das Straßenwesen bauten unsere Fachleute außerdem von Papa entworfene Leichtbauhallen für den Katastrophenschutz (z.B. in Weimar, Gotha, Erfurt und Schlotheim) Diese Arbeiten brachten Geld ein, denn mit der Bautischlerei war nicht die Butter aufs Brot zu verdienen.

Die sozialistische Planwirtschaft verkam immer mehr zur Misswirtschaft.
Anfang des Jahres bekam man vom Bauamt den Plan. Auf ihm war verzeichnet in welcher Gemeinde, welcher Bürger, mit welcher Bausumme von uns Leistungen bekommen durfte. Nach diesem Plan bekam man dann das zu knapp kalkulierte Material, welches meistens noch von minderer Qualität war, zugeteilt. Holz gab es von der ELG (Einkaufs- und Liefergenossenschaft) Metall, Abteilung Holz. Hier gab es oft mit dem Chef Probleme, weil der immer mal versuchte über falsche Ausmaße zu wenig Holz abzugeben.
Die Beschläge usw. durfte man sich von der ELG auf dem Kornmarkt holen. Diese Materialverteilungen reichten weder vorn noch hinten. Da aber Betriebe im normalen Geschäft nichts kaufen durften musste auch unser Vater, wie eigentlich fast alle in dieser Zeit, zum “Organisierer” werden. So erschloss er sich diverse Quellen, um doch an das nötige Material zu kommen. Bestückt mit guter Rindslende und gepökelten Zungen, die er sich vom hiesigen Fleischer besorgte, fuhr er regelmäßig nach Erfurt ins Bauelemente Werk und erwies den Damen und Herren mit seiner Fleischlieferung einen Gefallen. Denn in den Großstädten war an solches Fleisch so gut wie gar nicht heranzukommen. Im Gegenzug durfte er sich z.B. verzogene Thermofensterteile aussortieren, die mit dem Montageautomat zu Glasbruch geführt hätten. Von Hand konnta man aus diesen Teilen aber noch gut ordentliche Fenster herstellen, was meist von den Gesellen zu Hause erledigt wurde. So wusch eine Hand die andere. Man wusste wie man sich die Planwirtschaft zu nutze machen bzw. sie umgehen konnte. Papa machte das Organisieren und die Freundschaften, die sich im Laufe der Zeit auch dadurch aufbauten, spaß.

Ein immer größer werdendes Durcheinander wurden die diversen Preisanordnungen. So gab es immer noch die Stundenverrechnungssätze von 1952, die nur 2,72 Mark betrugen und erheblich unter dem Stundenlohn des einzelnen Gesellen lagen. Gewinne konnte man so nicht erwirtschaften. Diese plausible Rechnung kannte natürlich auch der Staat, aber die erste Preisanordnung von 1952 aufzuheben wäre nicht in Frage gekommen. Also wurden andere Wege gegangen. So durften die Bezirke sich eigene Preise machen. Oder aber Preiskataloge für komplizierte Fenster wurden für ganz einfache Elemente angenommen. Außerdem konnte man Akkordwerte benutzen, die in Wirklichkeit 3-4 Mal höher waren als tatsächlich gearbeitet wurde. Durch diese Möglichkeiten, die keines Wegs ungesetzlich waren, ließen sich dann einigermaßen faire Preise errechnen. Dass sich das Regime durch diese Verfahrensweise im Grunde selber etwas vormachte war zweitrangig. Auf Parteitagen und vor der Weltöffentlichkeit wurden eben solche Tatsachen weggelassen und andere Dinge hochgespielt. So z.B. das die Handwerker alle 2 Jahre von der Preisprüfung heimgesucht wurden, damit man dem kapitalistischen Ausland zeigte wie man im sozialistischen Land das private Handwerk kontrollierte.

Dass es am Ende 4 verschiedene Preisausgleiche gab, die den jeweiligen Kunden zugeordnet werden mussten, und sich selbst das geschulte Personal der Preisprüfung nicht mehr auskennen konnte, wurde einfach wieder verschwiegen.

Die Jahresabschlüsse mussten bis zum 31.03. des folgenden Jahres fertig gestellt werden. Ergab sich eine Steuerschuld, musste diese sofort abgeführt werden. Eine Steuererstattung hingegen musste erst von der Steuerprüfung, die jeden November ins Haus stand, bestätigt werden. Die Überzahlung wurde dann mit den kommenden Abschlägen verrechnet. Eine Auszahlung war nicht möglich.

Die Jahre vergingen und Manfred und Dora Krieghoffs Töchter wurden erwachsen. Christina wurde Gebrauchswerber und heiratete den Schuhmacher Uwe Rang. Nach der Wende machten sich die beiden mit einem Fuhrunternehmen selbständig. Heike wurde Biologielaborantin und heiratete den Maler Jürgen Schröter.
Kein Zimmermann war in Sicht, der irgendwann mal den Betrieb übernehmen konnte. Bei uns Töchtern hatte Papa eigentlich nie versucht Interesse am elterlichen Betrieb zu wecken und die Enkel waren noch zu jung dafür.

Ich als Nesthäkchen sollte mal studieren, denn das Lernen fiel mir verhältnismäßig leicht. Ärztin werden, das war mein Traumziel. Als ich dann wirklich noch den Studienplatz dafür bekam, waren Mama und Papa stolz. Zu der Zeit kannte ich schon meinen Mann Silvio und wir schmiedeten Zukunftspläne. Er, der gelernte Betriebs-, Mess-, Steuer- und Regeltechniker, als Betriebselektriker in einer LPG und ich als Landärztin auf irgendeinem kleinen Dorf, so sahen wir uns schon. Aber alles kam ganz anders. Das einjährige Krankenhauspraktikum, welches ich nach dem Abitur absolvieren musste, zeigte mir auch die Schattenseiten eines medizinischen Berufes. Der Wunsch eine Familie zu gründen und auf eine eventuelle persönliche Karriere zu verzichten wuchs immer mehr. So kam es, dass ich nach nur einer Nacht im Studentenwohnheim in Leipzig meine Koffer wieder packte und nach Hause fuhr. Meine Eltern waren natürlich entsetzt. Silvio anfangs auch, denn ich warf unsere gesamten Pläne in so kurzer Zeit über den Haufen. Schließlich aber unterstützte er meinen Entschluss und gab auch zum ersten Mal zu, dass er eigentlich vor meiner Studienzeit und der damit verbundenen Trennung Angst hatte. Hätte unsere Beziehung gehalten?

Aber was sollte nun aus meinem beruflichen Leben werden? Papa der durch den Betrieb Verbindungen zu den einheimischen Firmen aufbauen konnte, brachte mich in der Buchhaltung der Molkerei unter. Neben der Arbeit machte ich dort eine Ausbildung zur Wirtschaftskauffrau und verpflichtete mich ein Ökonomiefernstudium zu machen, denn angehende Ingenieure im Betrieb zu haben machte sich gut bei der Planauswertung, da auch die personelle Entwicklung per Plan festgeschrieben wurde.

Unser Vater witterte in der Änderung unser Lebensumstände eine Chance für das Fortbestehen der Firma. Langsam führte er Silvio an die Holzbranche heran. “Ich hab da was nach Feierabend für dich. Das Geld könnt ihr sicher gut gebrauchen” waren seine Worte. Das “nach Feierabend” verstand man damals als “Schwarzarbeit” die damals noch geduldet wurde. So lernte Silvio mit den Maschinen und dem Baustoff Holz umzugehen. Papa merkte bald, dass er das nötige Geschick und die Vorstellungsgabe mitbrachte. So fing er an für uns Zukunftspläne zu schmieden. Erst waren wir skeptisch. Denn Silvio musste eine zweite Lehre machen und später noch seinen Meister, um ein Geschäft zu übernehmen.

Eigentlich war er mit Leib und Seele BMSR-Mechaniker und tüftelte gerne in der Rationalisierungsmittelwerkstatt des Travertinwerkes.
Aber Papa verstand es uns die Selbständigkeit schmackhaft zu machen und schwärmte davon wie schön es wäre “sein eigener Chef” zu sein.
Also willigten wir ein. Ich sollte in der Buchhaltung der Molkerei meinen Weg machen, denn nur mithelfende Ehefrau in einem Handwerkbetrieb zu sein zahlte sich nicht aus. Es war sogar verboten den Gattinnen ein geringes Gehalt zu zahlen und somit eine Rente zu sichern. Unsere Mutter kannte dies aus eigenem erleben und riet mir auch deshalb davon ab. Silvio sollte nach seiner Armeezeit bei Papa im Geschäft mit der Lehre als Zimmermann anfangen und später seinen Meister machen. Als wir dann 1987 heirateten stand unsere Zukunft fest und Papa war froh endlich einen Weg zur Weiterführung des Familienbetriebes gefunden zu haben.

Dann kam über Nacht die Wende. Richtig glauben konnte es eigentlich keiner, bis man nicht selbst den Weg über die alte Grenze in Richtung Westen machte. Viel neues und schönes kam auf uns zu, von vielen alten Dingen konnte man sich endlich verabschieden, aber vieles blieb auch im Zuge der Wiedervereinigung auf der Strecke.

So euphorisch wie zu dieser Zeit hatten wir unseren Vater selten erlebt. Endlich konnte er richtig arbeiten. Die Zimmerei und Bautischlerei, die seit vielen Jahren aus Materialmangel und wegen der zu niedrigen Preise am Boden lag, lebte wieder auf. Material gab es in Hülle in Fülle. Wie oft uns die “Wessis” allerdings zu dieser Zeit mit zu teuren Preisen und ausrangierter Qualität über den Tisch zogen bekamen wir erst später mit. Aber schließlich herrschte nun die freie Marktwirtschaft und Lehrgeld zahlen musste eben jeder.

Papa liebte es zu arbeiten. Jetzt war es ihm vor allem auch möglich die Früchte seiner Arbeit zu ernten. Denn verglichen mit der DDR-Steuer waren die Weststeuern ein Klacks. Endlich blieb genug Geld übrig. Geld welches er sparte, denn bescheiden waren unsere Eltern immer. Den einzigen Luxus den sie sich im Laufe der gemeinsamen Ehejahre leisteten war ein Wochenendhäuschen, welches sie teilweise selber bauten. Gespart wurde für die Töchter, denn Silvio und ich sollten das Geschäft bekommen und meine Schwestern das Geld. Papa wollte nicht, das wir mit der Auszahlung der Geschwister belastet werden. Er wusste schließlich aus eigener Erfahrung wie schwierig es ist ein Geschäft mit Schulden zu übernehmen.

Und so vergingen auch die ersten Jahre nach der Wende. Silvio hatte mit Bravour seine Gesellen- und später seine Meisterprüfung bestanden und arbeitete im Betrieb. Aus meinem Ökonomiestudium wurde nach der Wende ein Betriebswirtschaftstudium, welches ich 1993 erfolgreich abschließen konnte. Nach den zwei Erziehungsjahren, die ich nach der Geburt unseres zweiten Kindes bekam, konnte ich in der Molkerei nicht mehr anfangen.
Wie viele Betriebe fiel auch dieser der Wende zum Opfer. So stellte mich mein Vater stundenweise ein. Ich erledigte die Buchhaltung und kümmerte mich um die Bürokratie, die nach der Wende im noch größeren Maße einsetzte. Aus dem Studium wusste ich was zu tun war und mein Vater brauchte sich nicht mit den neuen Gesetzen und Richtlinien zu beschäftigen. Er befasste sich lieber mit seiner Arbeit und die wurde immer mehr. Vieles war nach jahrzehntelanger DDRWirtschaft kaputt.

Ein Bau- und Renovierungsboom setzte ein. Angebote mussten geschrieben und alles schnell und zur Zufriedenheit der Kunden ausgeführt werden. Jetzt war endlich der Kunde König und nicht mehr die Planwirtschaft.
Unser Vater war in Sachen Sanierung und Denkmalpflege gefragt. Schließlich kannten viele seine Fähigkeiten und wußten, dass sie sich auf das Wort und Werk eines erfahrenen Zimmermeisters verlassen konnten. Er war schließlich einer der wenigen Zimmerleute, die noch die alten Handwerkspraktiken von der Pike auf gelernt hatten. Dieses Wissen gab er voller Stolz seinen Angestellten weiter, auch wenn diese traditionellen Verbindungen aufwendiger waren wie z.B. die heute üblichen Winkelverbindungen. Papa arbeitete Silvio vorzüglich ein, zeigte ihm Tricks und Kniffe und machte ihn bei den Architekten bekannt.

Wir erkannten schnell, dass unsere geschäftliche Zukunft im Bereich der Sanierung und Denkmalpflege zu finden ist. Nicht zuletzt durch unsere lange Geschäftstradition fühlten wir uns der Mitwirkung bei der Erhaltung von alten Bauwerken gewachsen. Um noch mehr theoretische Grundlagen zu bekommen, belegte Silvio deswegen einen zweijährigen Lehrgang an der Akademie des Handwerkes in Schloss Raessfeld. Nach erfolgreicher Prüfung und Dokumentation des Klagetores in Bad Langensalzas, darf er sich nun “Geprüfter Restaurator im Zimmerhandwerk” nennen.

Der Stress und die Anforderungen wurden im Lauf der Jahre immer größer.
So entschied sich unser Vater im Alter von 67 Jahren das Geschäft an uns zu übergeben.

Seit dem 1. Januar 1996 liegt nun die Verantwortung in unseren Händen. Papa zog sich ganz zurück und versuchte sein Rentnerleben zu genießen. Aber irgendeine Tätigkeit brauchte er. So ließ er alte Hobbys wieder aufleben und fuhr oft mit Mutti ins Wochenendhaus und machte den ein oder anderen Urlaub.
Am liebsten glaube ich aber, widmete er sich seinen Enkeln, denn Kinder liebte er über alles. Christinas Nachwuchs Christian, Julia und Elisabeth; Heikes Kinder Bianca und Björn sowie unsere Caroline, Robert , Jacob und später auch Johannes (er wurde 1997 geboren) waren sein Augenstern. Für sie war er immer da. Für die kleinen wurden Enkelnachmittage abgehalten und den Großen stand er mit Rat und Tat zur Seite. Mich entlastete er, indem er unseren Jüngsten stundenlang im Kinderwagen spazieren fuhr und ich somit ungestört die Büroarbeit erledigen konnte. Mit seiner Erfahrung stand uns Papa im Geschäft immer zur Verfügung, aber er drängte sich nie auf. Wir sollten unseren Weg selber machen und ich glaube er sah an dem was wir im Geschäft schufen und wie unsere Auftragslage stabil und die Kundschaft zufrieden blieb, dass er die Verantwortung für den Familienbetrieb in die richtigen Hände gelegt hatte.

Aber Krieghoffs Männer werden von einer Krankheit verfolgt. Krebs, sollte auch das Leben unseres Vaters verändern. Wir werden nie vergessen wie er eines Tages in der Tür stand und verkündete, dass man bei ihm Prostatakrebs festgestellt habe. Wir waren schockiert, aber er winkte nur ab. Seine Angst zeigte er nicht. Mit neuen Medikamenten konnte der Krebs eingedämmt, aber nicht geheilt werden. Jahrelang musste er starke Tabletten nehmen und Einmonatsspritzen über sich ergehen lassen. Nebenwirkungen schien es keine zu geben, eigentlich fühlte er sich gesund und wollte noch lange leben. Aber das Schicksal meinte es nicht gut mit ihm.

Am 27.03.2000 erlitt er einen Hirnschlag und verstarb am selben Tag.

In der Familie sitzt der Schock auch nach über einem Jahr tief. Soviel hat er uns gegeben und lange wollte er noch für uns da sein. Wir alle werden sein Andenken immer in Ehre halten und sowohl die Familien- als auch die Firmengeschichte in seinem und im Sinne seines Vaters Walter und Großvaters Paul fortführen.